Montag, 5. Dezember 2011

Thorsten Polleit: „Inflation muss unerwartet kommen“


Thorsten Polleit, Chefvolkswirt von Barclays Capital, kritisiert im Interview die Anleihekäufen der EZB. Inflation werde den Euro nicht retten.
Das heutige Interview von Thorsten Polleit mit der Börsen-Zeitung ist ein Erklärstück zur Inflationsgefahr. Der Chefvolkswirt von Barclays Capital warnt davor, die Inflationstendenzen zu unterschätzen. Die Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank (EZB) in Höhe von mittlerweile 200 Milliarden Euro werden letztlich zu höherer Inflation führen.

Seine Erklärung: Den Großteil der Anleihen kaufe die EZB von den Geschäftsbanken. Dadurch steigen deren Zentralbankgeldmenge und damit auch die Überschussreserven. Letztere betragen derzeit 451 Milliarden Euro. „Dieser Betrag reicht aus, um per Kreditvergabe die Geldmenge M3 und damit auch das Preisniveau ungefähr zu verdoppeln“, so Polleit.

Diese Geldmengenausweitung könne die EZB neutralisieren, dafür müsse sie aber die Mindestreserve, die die Banken bei der EZB als Sicherheit hinterlegen müssen, anheben. Das wiederum würde die Gewinne der Banken empfindlich einschränken und könnte sogar für einzelne Banken das Aus bedeuten. Diesen Weg hält er daher für nicht gangbar.

Der Flirt mit der Inflation

Eine von der Politik in Kauf genommene Inflation zur Rettung des Euro hält Polleit nicht für ratsam. „Damit Inflation ihr tückisches Werk verrichten kann – die Vermögen vom Sparer zu Gunsten des Schuldners umzuverteilen – muss sie unerwartet kommen“, so Polleit. „Das aber wird zu immer weiter steigender Inflation führen müssen, weil sich die Inflationserwartung anpasst.“ Im Extremfall führe das zu einer Hyperinflation.

Eine Inflationspolitik werde den Euro nicht retten, sondern sie schwört eher politische Zentrifugalkräfte in der Eurozone und der EU herauf.
Quell: das Investment / Von: Ansgar Neisius

Kommentare:

  1. habe zu diesem Thema einen spannenden Beitrag gelesen. Hammer! Einem Bericht des Wall Street Journal nach sollen sich einzelne Notenbanker europäischer Staaten bereits erkundigen, wo sie ihre alten nationalen Währungen nachdrucken lassen können. Die Gefahr des Zerfalls der Eurozone wird, gerade nach den Ereignissen des vergangenen Freitag, spürbar. In dieser Situation hat die Europäische Zentralbank den Banken ein „Milliardengeschenk“ gemacht und pumpt abermals Milliardenbeträge in die Kreditinstitute. Gleichzeitig senkt sie den Leitzins auf ein Prozent, macht also die Schuldenaufnahme für Banken günstiger. Diese Maßnahmen sollen helfen, die schwächelnde Konjunktur anzutreiben und gleichzeitig die am stärksten von der Schuldenkrise betroffenen Banken zu stützen. Für Menschen, die etwas für später zurücklegen, also mit möglichst viel Gewinn ansparen wollen, wird die Entscheidung nicht einfacher. Viele sind über die Finanzsysteme verunsichert, schließen eine Währungsreform nicht aus.

    AntwortenLöschen
  2. Hallo mein Lieber, das sind doch die typischen Euro-Untergangsstories, die man so lesen kann. Ich glaube da nicht dran. Wir brauchen den Euro, denn sonst bricht zumindest unsere Wirtschaft hier zusammen.
    CIAO Fernando

    AntwortenLöschen
  3. Ein wirklich sehr interessanter Artikel. Ich habe mich jüngst mit demselben Thema beschäftig. Es stellte sich mir die Frage ob eine hohe Inflation (Hyperinflation) oder eine Deflation schlimmer ist. Betrachtet man die Inflation, so wird man schnell feststellen, dass ein gewisses Maß für die Wirtschaft gesund ist. Steigt diese jedoch über eine gewisse Höhe (Hyperinflation) so ist sie immens bedrohlich. In einer gesunden Wirtschaft wird es immer Konjunkturzyklen geben. Je nach Zyklus herrscht entweder eine Inflation oder Deflation vor. Erst der Eingriff seitens der Staaten / Zentralbanken mithilfe der Geldpolitik führt zum ausufern beider Seiten. Die Ursache für eine hohe Inflation (Hyperinflation) wird immer in der Geldpolitik gelegt. Eine normale und gesunde Deflationsphase (Wirtschaftsabschwung) wird in der Regel nicht zugelassen. Die Zentralbanken versuchen diese Phase mit der Geldpolitik zu umgehen. Die daraus resultierende expansive Geldpolitik stellt die Grundlage für eine Hyperinflation dar. Einer sehr hohen Inflationsphase geht somit meist eine Deflationsphase voraus, auch wenn diese durch die expansive Geldpolitik oftmals nicht zu sehen ist. Ob eine jetzt Deflationsphase oder eine hohe Inflationsphase schlimmer ist, kann meiner Meinung nicht eindeutig beantwortet werden. Bei einer Hyperinflation kann ein Neustart (in der Regel ein Währungsneustart) schneller vonstattengehen. Die Auswirkungen finden hierbei in einem sehr kurzen Zeitfenster statt. Das Endergebnis einer Deflation ist meist nichts anderes ... jedoch wird der Crash in der Regel nach hinten verschoben …

    AntwortenLöschen